Verdrängtes muß an die Oberfläche, auch wenn diese dann zu brennen beginnt. Kornelia Boje

"Sie weiß, sie muß sich verantworten. Nie in ihrem Leben hat sie das so bewußt empfunden. Eigentlich hat sie nie darüber nachgedacht. Hat Verantwortung bei anderen gesehen. Sie hatte keinen Mann, keine Kinder, sie hatte nur sich und kam gut mit sich zurecht. Sie hat gelebt, wie sie mochte, sie hat geliebt, wie sie mochte."

Ulla Hanson, Photographin, gibt keinen Anlaß, über sie nachzudenken. So wenig, wie sie selbst über sich nachdenkt. Ihr unkompliziertes Leben ist rundum abgeschlossen gegen Schatten der Vergangenheit. Aber es gelingt zwei Fremden, zwei Russen, in ihre verdrängte Vergangenheit einzudringen. Einer der beiden Männer fasziniert und erschreckt sie zutiefst.

"Ein Bild schiebt sich unaufhaltbar über das Vorherige: Er, Mischa, hat ohne eine Reaktion im Gesicht, ohne ihre Augen freizugeben, die Hand ausgestreckt und in ihren offenen Mund gegriffen. Ihre Zähne umklammert. Es tat nicht einmal weh. Es war demütigend, es fesselte ihr Denken. Es war das erste wirkliche Geschehen in ihrem Erwachsenenleben. Nichts hatte sie in den letzten fünfundzwanzig Jahren so tief getroffen wie dieser eine Griff, diese Geste, die sie für immer aus ihrem bisherigen Bewußtsein reißt. Die sie zurückschleudert in ihre Kindheit. In das Vergessene, Verdrängte. - Vater!"