Frankfurter Rundschau 07. 04. 2005
Der Feuilletonist mit der Kamera: Walter Boje gab Emotionen und Charakteren Gestalt
 

So muß ein Bolero sein: ein Wirbel aus rot und schwarz, eine Energie, die aus Geschwindigkeit entsteht, dahinter eine Ahnung von Körpern und ihrer Kraft. So hat Walter Boje 1958 Bolero fotografiert, eine Ballettaufführung an der Kölner Oper. Und auf seinem Abbild des Ereignisses ist nicht mal mehr zweit-, eher dritt- oder viertrangig, was lange Jahre die Tanzfotografie prägte: das Können des Tänzers ins rechte Licht zu rücken, seinen Körper, seine Technik in einer vorteilhaften Pose zu fixieren. Denn auf Bojes Bild muß man die festen Formen suchen, die präzise Setzung der Spitzenschuhe erahnen. Die Solistin im Auge des Wirbels erinnert – nicht nur, weil sie einen spitzen Hut aufhat – an einen Kreisel, ihre Arme sind Schlieren aus Farbe.

Walter Boje, der in diesem Jahr (am 16. November) 100 geworden wäre und deswegen mit einem Buch sowie einer Ausstellung beim Deutschen Tanzarchiv in Köln mit einer Ausstellung geehrt wird, hat nicht nur Tanz und Theateraufführungen fotografiert – im Buch sind sie deutlich in der Minderheit, aber er hat sie auf eine Weise abgebildet, die neu war, weil sie sich um das Wesen eines Stückes weit mehr bemühte als um den einzelnen Darsteller. Bojes Ästhetik der verwischten Körper ist – allerdings mit Verspätung – zum Tanzfotografie-Trend geworden.

… Boje gab der Bewegung die Zügel frei, im neu entstandenen Color Negativ-Positiv-Verfahren, so daß die Farbe zu tanzen beginnen konnte.

Auf anderen Bildern, Akten vor allem, geht ein Schimmer von ihr aus, das die Haut zu einem ganz besonderen Stoff macht. Gern rückt er die Modelle aus dem Focus, auch sie werden damit zu purer Farb-Form. Oder er setzt ihnen groteske Masken auf – unverkennbar hat ihn da der expressionistische Tanz beeinflußt, der Emotionen und Charaktereigenschaften Gestalt gab, indem er sie übertrieb und zur Kenntlichkeit verzerrte. … Walter Boje hat dem deutschen Ausdruckstänzer Harald Kreutzberg mit einem typischen Accessoire fotografiert: indem er ihm ein dämonisch-glubschäugiges Zweitgesicht in die Hand gab.

Gesichter müssen Boje … neben Theater und Tanz besonders fasziniert haben. … Er war Autodidakt, hat aber offenbar früh ein Bewußtsein für neue Techniken, aber auch für Bildaufbau, für die Bedeutung des Ausschnitts entwickelt, so wie er den von ihm Porträtierten nahe rückte. Bei Clown Grock kann man jede Falte nachzählen, das Gesicht von dem Schauspieler Ernst Deutsch ist eine schwarz-weiße Krater- und Schlachtenlandschaft. Bei den Frauen ist Boje galanter – wenn er ihnen nicht gerade eine Maske aufsetzt, leuchtet er sie so aus, daß die Haut fast makellos wirkt.

Eigentlich aber war Boje, der 1992 starb, als Fotograf Allrounder, gab durch seine Arbeiten Anregungen für mehr als einen Trend, wie ein gerade erschienener, schlicht "Geburtstag" betitelter Band zeigt. Natürlich fotografierte er seine Familie, wie sie traut 1948 auf den Adventskranz blickt, drei Gesichter sanft bestrahlt vom Kerzenschein. Er zeigt bröckelnde Fassaden, einen Steinesammler mit seinem Pferd, Lehrling und Schlosser bei der Arbeit, letztere ganz traditionell und gediegen in Schwarz-Weiß. Aber so, wie des Steinesammlers Ausbeute auf den Boden purzelt und auf dem Schlosser-Bild die Funken sprühen, kommt dann doch das Thema Bewegung durch die Hintertür wieder herein.

Sehr charmant auch bei einer Aufnahme von einem Paar in einer Drehtür – das heißt, eigentlich sind es zwei Drehtüren, die Frau hat die eine genommen, der Mann die andere, aber in völligem Einklang setzen beide im Moment, als Boje auf den Auslöser drückt, den rechten Fuß nach vorne, der rechte Arm schwingt jeweils mit und dabei lächeln sie sich zu, wie ein Paar es auf der Bühne nicht schöner könnte.
SYLVIA STAUDE