FAZ 22. März 2005 - Feuilleton
Flugschau mit der Kamera:
Ballettfotografien von Walter Boje in Köln
 

Die rasche Drehung bauscht den Stoff, rauchblau und körperlos verschweben die Tanzkleider in der Bewegung. Die Kamera hat vieles ungeklärt gelassen: Wo die weich konturierten Trikots und Rocksäume auf Schwarz treffen, da muß der Bühnenboden sein, und die Helligkeit der Scheinwerfer streift die schnellen Körper kaum, im überhellen Rosa ist die Erinnerung an Haut schon fast fortgewischt. Allein wer vor der Fotografie einen Schritt zurücktritt, erkennt noch den veilchenfarbenen Reigen.
Wenn Walter Boje Ballett fotografiert, dann verzichtet er ganz entschieden darauf, die Perspektive der Zuschauerplätze zu dokumentieren, seine Aufnahmewinkel scheinen von jedem Standort gelöst. Diese Nähe und Dichte bietet kein Proszenium und kein Logenplatz: Manchmal scheint die Kamera mit den Solisten zu fliegen, und nur selten fokussiert sie auf deren Posen und Gesten, die Vielfältigkeit und die Schnelligkeit der Choreographie ziehen sie an. Vor allem die Farbe ist Bojes Instrument - die bunte Garderobe und das Bühnenlicht lösen sich in fast abstrakte Flächen auf, deren Dynamik und Leuchtkraft die Bewegungen der Bühne reflektiert.
Eine Ausstellung des Deutschen Tanzarchivs in der Kölner SK-Stiftung ehrt den vor hundert Jahren geborenen Walter Boje und stellt auch das Werk des gleichaltrigen Siegfried Enkelmann vor (in einer Gegenüberstellung mit Tanzfotografien von Gert Weigelt). Die Doppelschau muß vom gemeinsamen Jubiläum angeregt worden sein - denn außer einer Leidenschaft für Ballett und Tanz scheint die beiden Jubilare nichts zu verbinden. Während Gert Enkelmann, ein führender Tanzfotograf seit den vierziger Jahren, in strengem Schwarzweiß perfekte Positionen in der abgeschiedenen Ruhe des Studios inszeniert, begeistert sich Walter Boje für das Ballett als Bühnengeschehen.
Aus Leidenschaft für beides, Theater und Fotografie, wurde der in Berlin geborene Boje nach dem Krieg in Hamburg zum Chronisten der Bühne. Von Anfang an begeisterte sich der Autodidakt für die Technik der Farbfotografie, und als er für die Agfa in Leverkusen arbeitet, verfolgt er den Aufbruch des Kölner Balletts unter Aurel von Milloss. Der interessiert sich nicht nur für seine Choreographien, sondern versteht die Musik als zugrundeliegenden Bauplan eines Stücks und wertet die Bühne in enger Zusammenarbeit mit bildenden Künstlern auf. „Ballett ist mehr als tänzerische Pose", erkennt Walter Boje, der 1992 verstarb. Seine Fotografien haben diese modernen Visionen kongenial konserviert.
Es hat Charme, daß die Kuratoren die leicht verschlissene Farbigkeit der Originalfotografien lose und ungerahmt, nur von Plexiglas geschützt, auf schwarzgrundierte Wände gehängt haben. Die Serien zeigen sich in elegantem Rhythmus - auch weil Walter Boje die Dynamik der Bildaufteilung mit eigenhändig geschnittenen Passepartouts noch steigerte. Wo der Tänzer sich lang macht, folgt ihm der Fotograf mit einem extremen Hochformat, das sich als schmaler Streifen über die gesamte Blatthöhe streckt, die Sprünge und Wirbel der Ballerinen rückt er so an den Rand des Kartons, daß sie auf dem verbleibenden Cremeweiß auslaufen könnten. Walter Bojes Bild-Inszenierungen schenken dem in der Fotografie in Stillstand und Stille erstarrten Tanz expressive Momente, die zu Metaphern des Verlorenen werden.
CATRIN LORCH